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#1

Der Blutstropfen der Veränderung?

in Betroffenen-Literatur 24.05.2018 21:14
von hausschuh | 151 Beiträge | 248 Punkte
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Er befand sich in Wartestellung. Wusste, wenn der nächste Tag begönne, würde sich das Gleiche ereignen, wie heute. Er würde das Gleiche erledigen, genauso Hoffnung schöpfen. Später würde er genau gleich entspannen, würde den gleichen Humor in sich aufsteigen spüren. Erst auf dem Heimweg würde er kurz bemerken, dass er jeden Tag hier vorbeikam. Erst an der Haustür würde er zweifeln. Er würde stehen bleiben. Sich mit einem sterilen Pikser in den Finger stupfen. Und dann würde er sein Blut heraus drücken.

Das Blut würde ihn daran erinnern, dass er lebte. Er würde aus seiner Kruste kriechen, die sich in den letzten Jahren um ihn gebildet hatte. Und dann würde er sich von der Tür abwenden. Er wäre wieder jung und könnte seinen Sexappeal unabhängig vom schlechten Gewissen und Angst vor Körben einsetzen. Er wäre klug und würde sein Leben so planen, dass es stetig besser würde. Er würde Lachen und gut verdienen und für immer lieben.

Aber der Blutstropfen quillt aus dem Finger und tropft auf den kalten Marmor des Mietstreppenhauses. Er nimmt ein Pflaster aus seiner Brusttasche und klebt es um den Finger. Dann schließt er die Tür auf. Drinnen empfängt ihn der Mahlstein, der sich ihm um den Hals legt und ihn innerhalb weniger Augenblicke resignieren lässt. Er vergisst, dass er genau dies schon tausende Male erlebt hat. Er lächelt, ruft „Hallo“ und fühlt sich überflüssig. Er redet sich ein, dass es ihm besser geht, als Leuten ohne Familie. Er geht strategisch vor, damit es ihm gelingt, seinen Beruf auszubauen. Er bleibt vernünftig und deeskaliert. Er ist da und doch. Doch lebt er ein Leben voller Zwänge. Er akzeptiert Einschränkungen und bastelt sein Leben aussenrum. Mit so einer Krankheit nicht das Schlechteste.

Aber was will er? Was braucht er? „Ein zweites Kind“, sagt seine Stimme. Und das, obwohl es die Zerreissprobe seines Lebens darstellen wird. Aber er will es. Also wird er es schaffen. Er wird älter werden. Und irgendwann wird er sagen können: „Ich habe zwei wundervolle Kinder großgezogen.“ Sie profitieren von seiner Endlosschleife. Sie sitzen in dem Uhrwerk, dass er mit seinem Hamsterrad antreibt und lassen sich von der Maschine tragen. Und er rennt. Jeden Tag aufs Neue. In einer unendlichen unerbittlichen Wiederholung. Aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Renn!


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
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#2

Die Vorbereitung

in Betroffenen-Literatur 16.10.2018 15:53
von hausschuh | 151 Beiträge | 248 Punkte
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Er sitzt und schaut aus dem Fenster. Kaum erinnern kann er sich an das Gefühl, wie es ist, zu schreiben. Den Gedanken zuzuschauen, die aus den Augen tropfen und sich in der Schwärze der Buchstaben verdichten zu etwas, was er früher Austausch nannte.
Heute nicht mehr. Er ist gewachsen. Nicht nach oben und ins Gerade. Stattdessen ist er krumm über die Mauer gewachsen. Er klammert sich an ihr fest. Wie er so über der Mauer thront und sein Leben begutachtet, da kommen ihm Zweifel. Was ist, wenn der Plan, ein zweites Kind zu zeugen, bedeutet, dass alles beendet wird, was momentan gerade noch mit ach und krach läuft? Was ist, wenn seine Kommunikationsschwierigkeiten sich ausbauen zu einem schwarzen Berg aus Druckerschwärze, der über ihn hereinbricht und sich in jede seiner Poren bohrt, so dass er nie mehr sauber wird?
Dann, so denkt er sich, wird es an Gedanken nicht fehlen, die lauten „Ich habs dir ja gesagt“. Menschen, die das äußern sollte es nicht geben, weil sich niemand traut, ihm Kritik ins Gesicht zu sagen. Außer der Schwägerin, die seine Unterwerfung kritisiert. Und damit einen Zustand meint, den er als Anpassung beschreiben würde. So oder so, es ist ein Fakt. Er hat sich entschieden, dass er lieber den gebeugten Weg geht, anstatt sich in seiner Freiheit zu sonnen. Den Weg, auf dem er den Menschen freundlich ins Gesicht blicken kann und sich dennoch nicht verbiegt. Den Weg des Vertrauens. Den Weg, der die Gefahr, die von den Fratzen ausgeht, die links und rechts lauern und sich über ihn hermachen wollen, nicht sieht. Der anstatt dessen seine Schritte ruhig und mit Bedacht wählt und so sicher nach Hause kommt. Denn dort warten seine Lieben. Ob er diesen Weg weiter gehen kann, wenn er von Schlafentzug gebeutelt in Hasstiraden seiner Frau gegenüber gefangen sitzt? Manche Entscheidungen sind zu groß. Die muss das Herz übernehmen.


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zuletzt bearbeitet 16.10.2018 16:38 | nach oben springen

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