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#1

Der Blutstropfen der Veränderung?

in Betroffenen-Literatur 24.05.2018 21:14
von hausschuh | 148 Beiträge | 233 Punkte
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Er befand sich in Wartestellung. Wusste, wenn der nächste Tag begönne, würde sich das Gleiche ereignen, wie heute. Er würde das Gleiche erledigen, genauso Hoffnung schöpfen. Später würde er genau gleich entspannen, würde den gleichen Humor in sich aufsteigen spüren. Erst auf dem Heimweg würde er kurz bemerken, dass er jeden Tag hier vorbeikam. Erst an der Haustür würde er zweifeln. Er würde stehen bleiben. Sich mit einem sterilen Pikser in den Finger stupfen. Und dann würde er sein Blut heraus drücken.

Das Blut würde ihn daran erinnern, dass er lebte. Er würde aus seiner Kruste kriechen, die sich in den letzten Jahren um ihn gebildet hatte. Und dann würde er sich von der Tür abwenden. Er wäre wieder jung und könnte seinen Sexappeal unabhängig vom schlechten Gewissen und Angst vor Körben einsetzen. Er wäre klug und würde sein Leben so planen, dass es stetig besser würde. Er würde Lachen und gut verdienen und für immer lieben.

Aber der Blutstropfen quillt aus dem Finger und tropft auf den kalten Marmor des Mietstreppenhauses. Er nimmt ein Pflaster aus seiner Brusttasche und klebt es um den Finger. Dann schließt er die Tür auf. Drinnen empfängt ihn der Mahlstein, der sich ihm um den Hals legt und ihn innerhalb weniger Augenblicke resignieren lässt. Er vergisst, dass er genau dies schon tausende Male erlebt hat. Er lächelt, ruft „Hallo“ und fühlt sich überflüssig. Er redet sich ein, dass es ihm besser geht, als Leuten ohne Familie. Er geht strategisch vor, damit es ihm gelingt, seinen Beruf auszubauen. Er bleibt vernünftig und deeskaliert. Er ist da und doch. Doch lebt er ein Leben voller Zwänge. Er akzeptiert Einschränkungen und bastelt sein Leben aussenrum. Mit so einer Krankheit nicht das Schlechteste.

Aber was will er? Was braucht er? „Ein zweites Kind“, sagt seine Stimme. Und das, obwohl es die Zerreissprobe seines Lebens darstellen wird. Aber er will es. Also wird er es schaffen. Er wird älter werden. Und irgendwann wird er sagen können: „Ich habe zwei wundervolle Kinder großgezogen.“ Sie profitieren von seiner Endlosschleife. Sie sitzen in dem Uhrwerk, dass er mit seinem Hamsterrad antreibt und lassen sich von der Maschine tragen. Und er rennt. Jeden Tag aufs Neue. In einer unendlichen unerbittlichen Wiederholung. Aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Renn!


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
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