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#1

Der irre Prediger

in Betroffenen-Literatur 07.04.2018 21:00
von hausschuh | 151 Beiträge | 248 Punkte
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Hab gerade einen Text geschrieben, der sich aus den Erlebnissen der letzten Wochen zusammensetzt. Für sehr gläubige Menschen nicht zu empfehlen!

Der Mann sah durch mich hindurch. Beachtete mich gar nicht. Ist ja unverschämt, dachte ich, hoffentlich rennt der nicht irgendein Kind über den Haufen. Ich ging weiter, sinnierend über unverschämte Menschen. Ich muss wohl keinen sehr freundlichen Gesichtsausdruck gehabt haben. Plötzlich stand er vor mir. „Guten Tag!“ Freundliche Augen, Falten, ein aufgesetztes Lächeln. Nicht extrem sympathisch aber zunächst einmal nicht bedrohlich. „Sie sehen traurig aus“, sagte er schnell. Erwischt. Hm. Was sollte ich sagen. Leugnen ist zwecklos, das sagten mir seine Augen. Also raus mit der Wahrheit. Was sollte das schon kosten? „Ich bin traurig, weil es gerade nichts zu lachen gibt.“ „Sie fühlen sich also nicht wohl in ihrem Leben?“ Wie war er denn jetzt auf den Trichter gekommen? Relativ schnell wurden mir zwei Sachen klar: Erstens, ich hatte es hier mit einem Prediger zu tun. Zweitens, wenn ich diesen Pfad der Selbstgeißelung nicht schnell verlassen würde, würde es mich zerschmettern. Er würde mir mein Fehlverhalten und was weiß ich nicht was noch alles vorhalten und ich würde da stehen als böser Mensch, der sehr viel wiedergutzumachen hatte. Und das wollte ich nicht. Ganz ehrlich. Mein Leben war Scheiße, ok, aber ich wollte niemanden, der mir das sagte. Dadurch ginge es mir nämlich nicht besser. Ihm vielleicht schon. Klar, jemandem die wahre Lehre weitergegeben, jemanden zum Umdrehen gebracht, eine arme Seele gerettet. Aber wenn er jetzt alle Situationen neu beleuchtete, in denen ich mich in der letzten Zeit falsch verhalten hatte?
Was war da neulich, als ich den hübschen schwulen Mann sehr verheißungsvoll angelächelt hatte, um ihm dann, als er sich überwunden hatte, mich anzuquatschen zu sagen: „Ich habe eine Frau und ein Kind, ich bin besser als du, sowas wie dich brauche ich nicht.“ Was hatte mich da geritten, wieso hatte ich das getan? Und waren es nicht mehrere Todsünden in einem? Oder war Wollust vortäuschen keine Todsünde? Wenn Wollust eine Todsünde war, war das dann so etwas wie die Steigerung einer Todsünde?
Oder die andere Situation, als ich die Frau, die ich sexuell erregend fand fragte, warum ihre Freundin so extrem gut aussah? Hatte ich mich einfach nicht getraut, ihr zu sagen, dass ich sie begehrte oder hatte ich Angst gehabt vor ihrem übelgelaunten Lover? Also Angst vor ihrer Reaktion oder Angst vor seiner. Ist Angst nicht per se auch schon eine Sünde? Das fragte ich den Prediger. Ich wollte es wirklich wissen. „Ist Angst eine Sünde?“ Und stellt euch vor, was er antwortete. „Tja, es ist hart an der Grenze. Aber wir alle sündigen Tag für Tag. Wenn ich jedes Mal, wo ich aus Angst handele, einen Pfennig zahlen müsste, wäre ich jetzt arm. Und wir sind nunmal Menschen. Aber...“, ich hatte es gewusst. Ich hätte nichts von mir offenbaren dürfen, jetzt würde er mich zutexten. „Was man tun muss, ist Buße tun. Um Vergebung bitten für die Sünden, die man begangen hat. Meinetwegen auch für deine Ängste. Tue Buße und bitte Gott um Vergebung. Er wird sie dir gewähren.“ Das brachte mich zum Nachdenken. Es gäbe also eine Vergebung. Meine Sünden wären weniger schlimm, weil alle Menschen sündigten. Ich wäre nicht mehr allein. Nachteil wäre, dass ich jedes Mal, wenn ich Buße tat, drüber nachdenken müsste, was ich in der letzten Zeit wieder falsch gemacht hatte. Ein Kompromiss wäre gut. Also dass ich zum Beispiel drüber nachdenken müsste, was ich falsch machte, und um Vergebung bäte und dass gleichzeitig ein Konto an Vergebungspunkten gesammelt würde. Wenn dann eine bestimmte Punktzahl erreicht wäre, würde das Konto ausgezahlt, indem Gott sich für die gleiche Anzahl an Sünden, die mir widerfahren waren, entschuldigen würde. Dann hätte sich der Aufwand gelohnt und ein Ausgleich wäre geschaffen. Eine super Idee. Ich teilte sie dem Prediger mit. Er blickte mich nur an. Ich sah förmlich, wie er haderte, dass immer er diese psychisch kranken Passanten antraf, die dachten, sie könnte über alles mit ihm reden. „Lieber Mann“, sagte er schwer getroffen. „Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Sie mit Gott einen Handel abschließen können?“ „Warum nicht?“, antwortete ich. Er blickte mich durchdringend an. „Gott ist groß! Gott ist allmächtig!“ Jetzt begann er zu schreien. „Gott kümmert sich nicht darum, ihre Scheiß-Sünden zu zählen! Er möchte einfach, dass Sie um Vergebung bitten, ist das so schwer zu kapieren? Er kann sie mit seinem Daumen zerdrücken, wenn er möchte und er ist niemand, der hergeht und sich bei Ihnen entschuldigt.“ „Ok“, sagte ich freundlich, „kein Grund, mich anzuschreien. Dann möchte ich bitte auf eine Zusammenarbeit verzichten.“ „Da können Sie einen drauf lassen!“, jetzt schrie er wieder. „Gott wird nicht mit Ihnen zusammenarbeiten. Er wird Sie zerschmettern wie einen Wurm! Sie werden noch an mich denken!“ Ich zuckte mit den Schultern. Als ich langsam weiterging, sah ich noch, wie der Prediger mehrere Passanten anschrie, die zusammenzuckten und andere anrempelte. Ich hatte ihm meine Angst offenbart. Irgendwie ließ mich der Gedanke nicht los, dass er noch eine viel größere Angst in sich trug, die er mit seinem Predigen unterdrückte. Aber eins hatte er mit seiner heftigen Reaktion geschafft. Mein Tag war gerettet. Wenn ein Prediger so ausrasten konnte, weil ich ihm meine Überlegungen mitteilte, dann waren sie offenbar vernünftig.
Meine Sünden blieben trotzdem gemein. Aber nun musste ich sie nicht mehr teilen. Beruhigend.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
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RE: Der irre Prediger

in Betroffenen-Literatur 07.04.2018 21:46
von gerhard | 209 Beiträge | 582 Punkte
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Schöner Text! Lebendig, wortgewandt und witzig geschrieben, gefällt mir gut.

Ich finde Schuld ist ein schwieriger Begriff. Egal ob man sich selber schuldig fühlt oder andere schuldig spricht, anschließend Buße tut oder beichten geht, es ändert in meinen Augen nicht sehr viel. Wenn ich selbst beispielweise irgendeiner Person oder Situation Schuld gebe, dann ist das für mich ein Zeichen eigener Ohnmacht, die Unfähigkeit Dinge zu verstehen, hinzunehmen oder auch hinreichend selbstkritisch zu sein. Sich selbst arg schuldig fühlen ist für mich zudem mit negativen Gefühlen verknüpft, aus denen nicht viel wachsen kann.

Ich finde es für mich besser und klüger in diesem Zusammenhang eher von Verantwortung zu sprechen. Das fühlt sich für mich angenehmer an, es macht mich selbstbewusster, gibt mir mehr Ruhe und mehr Raum zum Nachdenken.


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