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#1

Patient stark wahnhaft

in Betroffenen-Literatur 11.03.2018 03:19
von Hotte | 1.639 Beiträge | 4802 Punkte
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Patient stark wahnhaft. Überzeugung, er sei Psychiater. Behandelte mich wie einen Patienten. Viel Erfolg! Prof. Dr. med. W. Hubertz.
Der Kollege hatte mir mit dieser Notiz einen Patienten überwiesen, mit dem er überfordert war. Es versprach, ein spannender Fall zu werden.
Ich betrat das Wartezimmer. »Herr Schimmelthal, kommen Sie bitte?«
»Dr. Alexander Olaf Schimmelthal.« Er betonte den Doktortitel, den er in Wahrheit vermutlich gar nicht hatte.
»Aber natürlich.« Ich reichte ihm die Hand. »Herr Doktor Schimmelthal.« Ich begleitete meinen Patienten in mein Arztzimmer. »Ich bin Herr Dr. Markus Wagner.« Ich wies auf die beiden Stühle vor meinem Schreibtisch und nahm selbst dahinter Platz.
Er setzte sich nur zögerlich.
Ich beobachtete ihn gespannt und fragte: »Was kann ich für Sie tun?«
»Da bin ich mir nicht so sicher.« Unruhig rutschte Herr Schimmelthal hin und her und stand dann wieder auf.
»Schön haben Sie es hier«, bemerkte er, während er sich im Raum umsah.
Was sollte das werden? Er wird mir doch nicht die Einrichtung zerschlagen? Leichte Unruhe machte sich in mir breit. »Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz.« Ich sah ihn mit einem professionellen Lächeln an.
Schimmelthal sah abwechselnd den Stuhl und mich abschätzend an.
»Nein danke, ich stehe lieber.« Es klang angespannt.
Mir fiel das Lächeln aus dem Gesicht. Das hier nahm ungewohnte Bahnen. Patienten gehörten vor den Schreibtisch, sitzend, und sollten nicht im Zimmer umherwandern. Was sollte ich nur tun? Ich war der Arzt, ich musste die Gesprächsführung behalten. Wenn der Patient nicht in der Lage war zu sitzen, dann blieb er eben stehen.
Ich versuchte einen Neubeginn: »Herr Dr. Schimmelthal, warum kommen Sie zu mir?«
»Das glauben Sie mir ja doch nicht.«
Einen kleinen Lacher konnte ich mir nicht verkneifen. »Wissen Sie«, fragte ich mit einem Grinsen, »wie oft meine Patienten diese Befürchtung äußern?«
»Also gut, hören Sie zu: Ich bin kein Patient. Ich mache das hier nicht mehr mit.« Und damit wandte er sich zum Gehen.
»Herr Dr. Schimmelthal, so warten Sie doch bitte!« Ich sprang auf, um ihn aufzuhalten.
Er drehte sich um und fragte: »Wären Sie bereit, sich da hinzusetzen?« Er zeigte auf die Besucherstühle.
»Ich?« Aber natürlich, für ihn in seinem Wahn musste die Vorstellung, der Arzt zu sein, genauso real sein wie für mich und es musste ihm selbstverständlich erscheinen, nicht auf den Patientenstuhl, sondern auf den Arztsessel zu gehören. Andererseits, auch ich war manchmal Patient, obwohl ich Arzt war. »Was halten Sie davon, wenn wir beide dort Platz nehmen?«, fragte ich schließlich.
Er folgte mir bereitwillig, nachdem ich Platz genommen hatte.
»Und nun erzählen Sie mal in aller Ruhe.«
Er fingerte in seiner Hosentasche herum und holte ein Stück Papier hervor, das er sorgsam glattstrich, bevor er anfing, davon abzulesen.

***

Nach langer Zeit saß ich das erste Mal wieder in einem Wartezimmer. Ob das die richtige Idee war? Mich in eine Arztpraxis zu begeben als Patient? Etwas mulmig war mir schon zumute. Was, wenn ich ihn gegen mich aufbrachte? Das Wort eines Mannes im Arztkittel galt mehr als meins, wenn die Polizei da war.
Ein Herr im Arztkittel betrat mit Gesundheitslatschen den Raum und sah sich suchend um.
»Herr Schimmelthal, kommen Sie bitte?«
Showtime. Ich atmete tief durch und erhob mich.
»Dr. Alexander Olaf Schimmelthal.« Gewohnheitsmäßig nannte ich meinen vollen Namen und nannte meinen Titel, nur um mich kurz darauf zu fragen, ob das die Sache nicht noch komplizierter machte.
»Aber natürlich«, sagte er in einem Tonfall, als habe ihm ein kleines Kind einen offensichtlichen Bären aufgebunden. Nicht sehr vielversprechend.
Er stellte sich mit »Ich bin Herr Dr. Markus Wagner.« vor und wies mir die Patientenstühle vor dem Schreibtisch zu, um sich selbst dahinter zu setzen. Jetzt schon die Rolle aufzugeben, wäre sicherlich zu früh. Erst musste ich sein Vertrauen gewinnen. Also nahm ich Platz.
»Was kann ich für Sie tun?«
Was sollte ich denn jetzt tun? Irgendeine Anamnese erfinden? »Da bin ich mir nicht so sicher.« Ich hielt es nicht mehr aus und stand auf. »Schön haben Sie es hier.« Hinter Herrn Dr. Wagner reihte sich ein Bücherregal ans andere und die Wand gegenüber zierte ein Gemälde, das offenbar zur modernen Kunst zählte. Wie konnte er das alles finanzieren?
»Bitte, nehmen Sie doch wieder Platz.« Herr Wagners Hand wies auf den für Patienten bestimmten Platz, auf dem er mich gerne sehen würde.
Das war eine Scheißidee! Ich hätte nicht herkommen sollen. Wenn ich mich da wieder hinsetze, ist alles verloren.
»Nein danke, ich stehe lieber.«
Damit hatte Wagner nicht gerechnet. Ihm entglitten die Gesichtszüge. Ein bisschen tat er mir leid. Unschlüssig sah ich ihn an.
»Herr Dr. Schimmelthal, warum kommen Sie zu mir?« Es klang ehrlich interessiert.
Ich war fast versucht, mit der Sprache rauszurücken. »Das glauben Sie mir ja doch nicht.«
Er lachte herzhaft auf. »Wissen Sie, wie oft meine Patienten diese Befürchtung äußern?«
Patienten. Natürlich. Ich war immer noch im falschen Film.
»Also gut«, brach es aus mir heraus, »hören Sie zu: Ich bin kein Patient. Ich mache das hier nicht mehr mit.« Ich drehte mich um und ging auf die Tür zu.
»Herr Dr. Schimmelthal, so warten Sie doch bitte!«, rief er mir nach.
Einer Eingebung nach blieb ich stehen. Ich drückte die Schultern durch, wandte mich ihm zu und fragte, auf die Besucherstühle zeigend: »Wären Sie bereit, sich da hinzusetzen?«
»Ich?« Er musterte die Stühle eine Weile. »Was halten Sie davon, wenn wir beide dort Platz nehmen?«
Darauf war ich nicht vorbereitet. Das beeindruckte mich derart, dass ich mich wie geheißen niederließ.
»Und nun erzählen Sie mal in aller Ruhe«, sagte Dr. Wagner, als ob er alle Zeit der Welt hätte. An dem Mann war tatsächlich ein guter Psychiater verloren gegangen. Ich konnte gut verstehen, warum er sich dieses Wahngebäude aufgebaut hatte. Ob ich ihn würde erreichen können?
Aus meiner Hosentasche holte ich mit zitternden Fingern die Notiz des Kollegen, der mich auf diesen außergewöhnlichen Fall aufmerksam gemacht hatte:
Patient stark wahnhaft. Überzeugung, er sei Psychiater. Behandelte mich wie einen Patienten. Viel Erfolg! Prof. Dr. med. W. Hubertz.

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Entstanden in einer Schreibübung, bei der der Perspektivwechsel geübt wurde. Ist im Schreibforum bisher sehr gut angekommen. Ich bin gespannt, wie ihr sie findet. :)


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Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade draus! (G. Sielaff)
Mein Blog: https://ingo-schreibt-anders.blog
Ich schreibe auch in der http://www.schreibkommune.de/. Dort findet ihr Geschichten und Artikel mit Themen rund ums Schreiben.
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#2

RE: Patient stark wahnhaft

in Betroffenen-Literatur 17.03.2018 22:43
von hausschuh | 150 Beiträge | 243 Punkte
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Ja Geil!

Darf ich weiterschreiben? Darf ich?

Bittee............... bitte bitte bitte..........

Ich tus.





"Herr Doktor Wagner!" "Herr Doktor Schimmelthal!"

Jetzt standen beide Patienten auf und blickten sich tief in die Augen. "Ich bin hier der Arzt!" Schimmelthal warf sich in die Brust. "Aber natürlich sind Sie das." Wagner betonte das "natürlich" lange auf dem "ü", was die Absurdität dieser Behauptung eindeutig durchblicken ließ. "Sie sind ein guter Psychiater", fuhr er fort. "Warum?" fiel ihm der andere ins Wort. Er hatte begonnen, umherzuwandern und fingerte nervös an einem IKEA-Bleistift herum, den er in seiner Hosentasche stecken hatte. "Weil ich Sie durchschaue? Nun, ganz einfach. Sie glauben mir nicht. Sie denken, ich sei ein Patient und Sie ein Arzt. Was sehr gut sein kann. Schließlich leben wir beide im Irrenhaus der Welt. Aber leider, " hier grinste Schimmelthal siegesgewiss, "habe ich nunmal ein Team hinter mir stehen. Sobald ich diesen Knopf hier drücke", er zeigte auf den Schreibtisch", stürmen meine Pfleger herein und drücken Sie auf den Boden." Dr. Wagner schien wenig beeindruckt. "Sie haben also eine Machtphantasie. Das ist höchst aufschlussreich. Wie lange fühlen Sie denn schon das Bedürfnis, über andere Menschen zu herrschen? Kennen Sie diesen Wunsch aus ihrer Kindheit?" Schimmelthal ließ sich nicht die Butter vom Brot nehmen. "Schon klar", sagte er lächelnd. Sie denken: 'Wie kann ein Mann, der an einem IKEA-Bleistift herumspielt ein Psychiater sein.' Aber leider gehört das zu unserem Plan." Hiermit wandte er sich an den Spiegel, der den Raum an einer Seite ausfüllte. "Hinter diesem Spiegel wartet eine Gruppe von Psychologiestudenten und beobachtet unser Gespräch. Ich habe sie vorhin aus meiner Vorlesung hierhergeführt. Sie wurden ausgewählt als Patient, der sich so perfekt in seinem Wahngebäude eingerichtet hat, dass er jegliche Informationen, die ihn von außen erreichen, als Täuschung interpretiert und sich selbst immer wieder darin bestärkt, er sei der Gesunde."
"Wagner wird unsicher, sehen Sie das?", flüstert die hübsche Schwarzhaarige, die vorne direkt am Spiegel steht und das Duell fasziniert beobachtet. "Sieh mal, Schimmelthal wirkt total nervös. Der spielt unglaublich!", antwortet der braunäugige Lockenkopf, der sie offensichtlich beeindrucken will.
"Was machen wir, wenn er auf ihn losgeht?" fragt das Mädchen. "Wir stürmen rein!", antwortet Locke.

"Wissen Sie", fuhr Schimmelthal fort, "Wir haben nichts davon, Ihnen ihren Wahn herauszuprügeln. "Wir wollen ihn mit Ihnen gemeinsam bei der Hand nehmen und ihm einen Platz in diesem Behandlungszimmer geben. Sie sollen quasi jeden Tag, wenn Sie zur Therapie kommen, mit ihrem Wahn sprechen können damit wir gemeinsam einen Weg ebnen für eine Gesundung in kleinen Schritten." Wagner schaut irritiert. "Bevor Sie mir diesen Zettel vorgelesen haben, war ich vollkommen überzeugt davon, ein Psychiater zu sein. Inzwischen denke ich: Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht Sind Sie der Gesunde und hinter diesem Spiegel warten wirklich ihre Studenten." Beifälliges Murmeln bei den jungen Leuten um Locke und das Mädchen. "Aber wissen Sie, dieses Spiel lässt sich unendlich fortführen. Ich könnte Ihnen zum Beispiel verraten, dass die Menschen, die hinter dem Spiegel warten, durch einen Gang gekommen sind. In diesem Gang hat es nach Kohl gerochen. Wenn Sie allerdings heute in der Krankenhausküche gegessen haben, dann müssten Sie gemerkt haben, dass heute nur gegrilltes Hähnchen auf dem Speiseplan stand. Woher also der Kohlgeruch? Wer hat hier Kohl gekocht?" Er wandte sich jetzt direkt an den Spiegel. "Nun, meine lieben jungen Menschen, dies ist eine psychiatrische Heilanstalt. Es riecht hier nach Kohl, weil sich mein Team dachte: "Ach, in einer psychiatrischen Heilanstalt sollte es nach Kohl riechen. Das gibt ein gutes Gefühl von Heimeligkeit und gleichzeitig Abstoßung. Schließlich kennen wir alle die frühkindliche Abscheu von gekochtem Kohl. Leider, meine Freunde", hier blickte Wagner plötzlich ins Leere, "seid ihr die Zielpersonen eines Experiments, welches überprüfen soll, inwiefern gefakte Erinnerungen durch Rationalisierung abgekoppelt werden. Ihr lebt im 23. Jahrhundert, eure Gehirne wurden ausgewählt für dieses Experiment. Die Maschinen sind in einen Krieg mit der Lebensliga getreten, welche gerade versucht, das Licht auf den von Wolken verdunkelten Planeten zurückzuholen, indem sie die Maschinenintelligenz mit Viren infiziert, die sie glauben machen, sie seien Menschen. Um diesen Virus robust zu entwickeln, müssen wir das Zusammenspiel von Rationalität und Erinnerung herausarbeiten. Und nun, entscheidet euch bitte. Dr. Wagner setzt sich auf den Platz des Arztes. Bin ich der Arzt? Dann geht bitte durch den Eingang heraus, den ihr zu eurer linken seht. Oder ist es Dr Schimmelthal? Dann verlasst den Raum durch den Eingang, durch den ihr hereingekommenn seid.

Locke schluckt. "Woher kennt er dieses Gebäude? Werden die Patienten nicht auf der Station festgehalten?" Sein Kopf ruckt zur Seite, offensichtlich ist er überfordert von den Informationen, die ihm Dr. Wagner mitteilte. "Ganz ruhig", erklärt das Mädchen. Vielleicht kam der Kohlgeruch auch einfach aus der Küche der Station über uns. Wir sollten hierbleiben und Dr. Schimmelthal beistehen, falls er uns braucht. Sie blickt Locke an, doch dieser ist offensichtlich panisch. "Über uns gibt es keine weitere Station, vorhin im Aufzug war in diesem Stockwerk Ende." Er packt sie und will sie zur Tür zu ihrer linken zerren. Sie reißt sich los. "Ich bleibe." Ich bin ein Gehirn in einem Untersuchungslabor. Na und? Meine Loyalität gehört Dr. Schimmelthal. Locke und drei weitere Studenten gehen auf den Ausgang zu. Sie drehen sich noch einmal um. Dann sehen sie sich an, nicken sich zu und treten gemeinsam durch die Tür.

Ein Gong ertönt und Neonlampen flammen auf. Dr. Schimmelthal und Dr. Wagner öffnen eine Tür zu dem Spiegelraum und gratulieren dem Mädchen und den anderen Studenten, die vor dem Spiegel stehengeblieben waren. "Herzlichen Glückwunsch!", sagt Dr. Schimmelthal. "Gut gemacht!", sagt Dr. Wagner. Dann holen sie die anderen Studenten, aus dem Zimmer, in das der zweite Ausgang führt. "Nun zu Ihnen", sagt Dr. Wagner. Doch was ist das? Locke reißt sich von Dr. Wagner los, beißt ihn und schreit "Ihr kriegt mich nicht, verdammte Maschinen". "Tja." Das ist Schimmelthal. "Überbewertung der eigenen Vernunft, nennen wir das. Er wird sich bald wieder einkriegen. Aber den Job als Psychiater kann er sich abschminken. Sie hingegen", er lächelt dem Mädchen zu, "sie haben eindeutig Potential!"


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
2 Mitglieder haben sich bedankt!
zuletzt bearbeitet 17.03.2018 22:45 | nach oben springen


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