Einloggen
Zurück Vorwärts
Aktualisieren Drucken
Neuer TAB


Zum Seitenanfang Schritt hoch Schritt runter Zum Seitenende


#1

Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 09.02.2015 22:17
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Alles beginnt mit einem Rahmen. In ihm hängen 14 Bilder, jedes einzigartig und fein gezeichnet, so dass man beim näherkommen eine ornamentartige Auffächerung vor sich hat. In diesem speziellen Bild sind die Striche so sanft geschwungen, dass es eher wie eine Hügellandschaft im Sommer anmutet. Weich schmiegt sich der Strich ans Papier, gibt ihm von Innen Kraft und macht es stark gegen die Blicke der Welt.

Wie kommen die Rahmen an diese Wand? Was ist das überhaupt für ein Haus und woher kommen die ganzen Zuschauer, die sich um die Rahmen herumdrücken? Irgendwie abgehärmt sehen sie aus, zerfaltet und eingeknittert und wollen doch nichts verpassen, müssen ganz vorne stehen, als die Rahmen enthüllt werden und jeder in seinen bunten Farben anfängt zu leuchten.

„Meine Damen und Herren!“, hebt der Zeremonienmeister an. „Sie haben sich hier versammelt, zu Recht, wie ich finde...“, leichtes Hüsteln von einem älteren Herrn in feinem Schal mit Schirm, er sieht nicht so aus, als wüsste er so wirklich, wo er hier hereingeraten ist und sieht etwas unglücklich aus mit all den wißbegierigen Menschen, die ein wenig nach Versicherungsvertretern aussehen... „um diese 14 Rahmen einzuweihen. Es musste sein, es muss sein“, er verbessert sich, „um der Realität ihren Tribut zu zollen. Jedes dieser Bilder spricht von der Unfassbarkeit der ungefälschten Seele, von ihrer wirklichen Geschichte, die vielleicht in Ihren Augen zunächst als fadenscheinig und voraussehbar anmuten wird. 'Wieso', so werden Sie sagen 'ist hier nichts Außergewöhnliches zu sehen, ich habe doch Eintritt gezahlt um etwas geboten zu bekommen, und nicht, um gelangweilt Normalität zu empfinden.' Jeder, der so denkt, möchte bitte jetzt“, er streckt den Arm weit aus, „gehen. Wir können diese Denkart nicht verfarblichen, indem wir ihrer schnöden Ungastlichkeit einen Mantel aus bunter Gedankenwolle weben. Wir wünschen nicht unter kalten Blicken zusammenzuschmelzen und unser Herz aus Glas einer stummen Masse von dunklen Wölfen anheimzugeben, wo schon ein falscher Strahl aus einem kalten Auge unsere Herzen in hässliches Metall verwandeln kann.

Die Tür ist offen und sie lässt sich nur in eine Richtung begehen. Wenden Sie sich bitte jetzt dem Ausgang zu und vergessen Sie ihren Hut nicht!“ Der Mann macht eine Pause und wartet geduldig, bis sich die Reihen neu sortiert haben währenddessen das Licht immer schwächer wird. Es ertönt ein transzendenter Trommelrhythmus, der sich langsam steigert und ein Gefühl von Spannung erzeugt. Dann wieder Stille. Ein Spot fällt auf das erste Bild. „Und nun“, ruft der Zeremonienmeister, „heißen wir gemeinsam willkommen, unser erstes Bild, hier kommt“...


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#2

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 09.02.2015 22:24
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hausschuh

Hallo sag ich fröhlich und lächel ehrlich aber auch verwehrlich.
Ein neuer Tag ist voller Schnee, eh ich mich verseh und noch bevor ich versteh bin ich rausgerannt, hab mich am Schnee verbrannt, schwarze Haare kleben an meinem Arm, doch der Schnee der macht mich warm.

Verkehrte Welt, spricht der Held und er hat recht, das Leben ist sein Pfand, er kennt´s genau und weiß über´s Bescheid, gescheit, sagt, was er weiß und gibt bald preis, dass der Tand, den er gekannt aus „Schnee ist halt kalt“ bestand.

Ich lächel ihn an, kann mit ihm lachen, zusammen können wir die Welt zum Wohnzimmer machen. Hier an diesem Wunderort, den Smoothie in der Hand und gleichzeitig im Schnee mit ihm, der nun ungläubig staunt, dass der Arm den er mir reicht plötzlich aufweicht und einen schlappen Schlenker zieht, zwischen Hand und Ellenbogen hinuntersinkt bis fast auf den Boden, und in den Schnee, wo er verbrennt, ich, der das kennt, will ihn bewahren und sage „Stark, die Baustelle da drüben“ und er schaut und baut in Gedanken ist das Haus schon fertiggg obwohl gerade der Bagger erst saudickkk mit einem Stickkk am Haken den Schwung rüberschafft in mein Arbeitszimmer, immer, schlimmer, jeden Tag sitz ich neben Trümmer- Haufen, betrachte die Bauarbeiter, die nicht saufen, Stillstand in Form eines Hausabrisses, vergisses, es muss bessere Aussichten geben, so wie die eben, im Schnee zu stehen, alles ist schön und um den Freund zu retten, hilfst du ihm mit seinem Arm, den er nur verloren hätte, weil er ihn dir reicht, er schleicht rüber, da gibt’s n Tutorial, da steht wie der vorgeht, der den Weg kennt und jeder der will darfs nachmachen, lachen, dagegen krachen, neu machen, schwachen Herzens sein. Es gibt kein Richtig, aber ein Falsch, Gott erhalts, ich bin nun fertig, dies ist mein Bild, gehangen an Stelle 1 der Rahmengalerie, wo ich voller Ehrfurcht mich zu einer Statue verhärte, um den goldenen Gedanken, die überall um mich ranken, die Gunst der nächsten Stunde zu überreichen, nutzt es, putzt euch raus, lasst es fließen, hier kann was entstehn, ich werde jetzt gehen, lasst die Leute was sehen!

Gruß


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#3

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 25.02.2015 22:08
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Ich klopfe an die Scheibe, vorsichtig, damit sie nicht aus dem Rahmen bricht. Ja, richtig, ich sitze drinnen und schaue raus auf die Szene, die sich aus meinen Blicken herausgießt. Da steht ein alter Mann vor dem Rahmen und schaut hinein.
Ich hänge an zweiter Stelle, soviel weiß ich, die Reihenfolge hat mich zum Zweitgeborenen gemacht. In der wirklichen Welt bin ich der Drittgeborene und nach mir noch eine Schwester, zwei insgesamt und ein Bruder, der in der realen Welt der Erstgeborene ist. Der Mann vor dem Rahmen klopft jetzt auch von außen daran, vorsichtig mit krummem Finger, als wollte er mich nicht erschrecken. Ja, ich sitze hier im Schneidersitz, und du?
Mein Leben scheint wie mit Autobahnstrichen gezeichnet nach draussen zu verlaufen. Ob die wohl von außen auch gesehen werden können, oder ob das am Ende nur hier in meinem Bild so aussieht? Was wäre, wenn mein ganzes Leben in dieses Bild passen würde, in diesen Rahmen, zum Anschauen für die Nachwelt, ohne Falltür aus der ich im Notfall in die Realität absteigen kann.
Ohne Sandmann, der mir des Nachts feinen Sand in die Augen rieseln lässt, weil der Sand an der Scheibe meines Rahmengaleriebildes abprallen würde. Ohne das Christkind, das früher immer ein Glöckchen geklingelt hat, wenn es fertig war und wir ins Wohnzimmer stürmen durften, um die Geschenke auszupacken.
Der alte Mann sieht ein bisschen traurig aus. Viele Falten zeichnen das schmale Gesicht, verhärmt ein bisschen, hart geworden an der Welt. Ich glaube, er musste immer klüger sein als die anderen, punkten, Wettkämpfe für sich selber gewinnen. Klüger sein musste er, fühlte dabei aber ein unglaubliches Sehnen nach der Einfachheit des Lebens, nach dem Glück, dass ihm der Onkel als Tischler zum Beispiel gab.
Er hat vermutlich sein Bestes gegeben. Wie wir alle. Er hat betrogen und gelacht, geweint und geschrien. Und jetzt ist er alt, sein Leben wird nicht mehr viel Neues bringen. Selbst wenn, er könnte es nicht mehr sehen, er, der sein Leben der Wissenschaft und dem Entdecken der Welt widmete, auch er ist ein Mensch und wird in wenigen Jahren das Leben verlassen. Schade.
Ich sitze hier in meinem Schneidersitz und schaue ihn an. Ich mag ihn. Meinen Papa.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#4

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 08.03.2015 00:54
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Die Nacht

Ich bin der dritte hier im Bunde.
Die Nacht. Die Angst, die große Pein.
Tragt von mir fort die leise Kunde.
Ich bin, ich schleiche, lasst mich rein.

Der Tag bist du und schreist mich an!
Der nächste Morgen kommt bestimmt.
versteckt im Lebenswahn.
Verletzte sich mit Teufelskraft bis er zurück besinnt.
Er trampelt, stampft und tönt die Kunde
er trägt die schwärend, laute Wunde.
Er ist der Neue immerdar
und legt doch Blei auf Haupt und Haar.

Nun denn, so mag die Kunde gehen.
Er ist der Tag
ich bin die Nacht.
Lässt Fahnen in der Fremde wehen,
ich bleibe stur, mein Leid ihm klag.
Du bleibst bei mir. Im Schlaf erwacht.

Wer bist Du, Traum der Liebe?
Weißt Du noch ob Du Wahrheit schenkst?
Warst nicht mal rein und ohne Diebe?
Ich werf mein Herz und hoff Du fängst.

Warst du nicht Tag, war ich nicht Nacht?
Ich frag, solln wir zusammen gehen,
hast du die Last schon weggebracht?
Bei Dir, so hauchst Du, will ich stehen.
Ich fang Dich, wenn Dir kalt und klamm.
Du wirst in meinen Schuhen stehen
und Milch aufwärmen dann und wann.
Stimmung und Denken wird verwehen.

So sind die Rollen fest verteilt,
der Hader zementiert.
Wert stirbt von Idealen eingekeilt
dein süßer Mund von Blut verschmiert.

Zum Ende sag ich lieb gemeint
Du, Tag, sollst Neuland messen
Und Nachtschlaf, spricht er, und er weint
Hast morgen früh mich ganz vergessen.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#5

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 10.03.2015 22:56
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Kolibri

Hallo, flatter mal vorbei.
Bin eigentlich ein Fliegengewicht, hab gesehen, man kann sich hier ausstellen und da bin ich schon! Laufen kann ich nicht, aber fliegen in Hüfthöhe ist meine Spezialität. Gerade gestern war ich in der Amerika-Gedenkbibliothek am Kottbusser Tor und habe dort die Bänke unsicher gemacht. Sie wollten gerne meine Freunde sein, also gingen wir zusammen einen Schritt. Ihr Hemd in meiner Hose und ihre Hand auf meinem Schritt. Ein Augenblick, ein flattermück, kurz gesehen und schon verraucht.
Auch mit einem Stahlross war ich vermählt. Kurz und ergiebig, er dachte seine Welt in lichte Bahnen. Dort traf ich ihn, auf der Eiskunstbahn des Holiday On Ice. Die Blitze und der Rauch, all das hielt uns zu einem Rendevous an, welches wir dann doch auf dem See im Berliner Osten hielten. Im Geiste nur aber um so lebhafter, mit Julia, welche schöne Augen und einen geraden Geist besass.

Kann man mir folgen? Ich flatter hin und her. Das beste wird sein, ich fliege zurück und nehm denselben Weg nochmal hierher, dann sehen wir mehr!

Der Weg beginnt in der Amerika-Gedenkbibliothek am Kottbusser Tor. Ein Mädchen traf ich dort auf einer Bank. Mit ihr sprach ich über Sex, so laut, dass es Passanten mitschnitten, mir egal, ich bin geil. Dann hatte ich eine philosophische Beziehung mit einem Werbe-Großmächtigen. Seine Gedanken waren eventuell in Richtung eines Rendevous, welches ich dann sehr viel später im Europa-Park in einer Eisshow erlebte und zwar mit meiner späteren Frau. Mit ihm hingegen hatte ich nur Gedankenverkehr, er erzählte mir zum Beispiel auf einem Ausflug (ich half als Werbe-Texter in seiner Agentur) wo wir am Rande eines Sees saßen, von einem lustigen Erlebnis, welches er mit jungen Leuten in seiner Vergangenheit an ebendiesem See hatte. Bei dieser Erzählung war auch die schöne Julia dabei, eine Mediendesignerin, welche durch schöne Augen und eine unnahbare Art gesegnet war.

Flatter di fluh, schon besser aber noch nicht perfekt. Nochmal den Weg:

Vor vielen Jahren lebte ich in Berlin und traf mich auf einer Bank vor der Amerika-Gedenkbibliothek am Kottbusser Tor mit meiner damaligen Freundin. Wir hatten eine Diskussion darüber, wieso wir nicht mehr miteinander schlafen, welche öffentlich deutlich hörbar war. Auch zu dieser Zeit jobbte ich als Junior-Texter in einer Werbeagentur, deren Besitzer ein netter Schwuler war, der ziemlich sicher nichts von mir wollte (ich hätte auch nicht gewollt). Vor ca. 2 Jahren war ich mit meiner späteren Frau im Europa-Park und wir erlebten eine wirklich tolle Show mit Tänzern und Rauch und Laser. Eine Verbindung zum Chef meiner Werbeagentur gibt es eigentlich nicht. Ich bin glaube ich über meinen Ausdruck „lichte Bahnen“ zu der Lichtshow im Europa-Park gekommen. Der nette schwule Agenturchef erzählte mir einmal bei einem Ausflug mit der hübschen Julia, welche auch in der Agentur arbeitete, von einem Erlebnis seiner Jugend, als er an dem See, wohin wir den Ausflug machten, mit mehreren jungen Männern auf einem Boot Sex-Geräusche mimte.

Flitter flatter, ich hoffe ihr mochtet mein Geschnatter, Überall so viele Blumen, die mich locken...

Aber ich entscheide mich für den Ausgang. Tschüss Galerie, Tschüss Rahmen, Tschüss ihr lieben Leut, die Geschichte lass ich euch hier, die Gedanken dürfen mit mir raus, wir finden den Weg, Flatterdieu!


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
zuletzt bearbeitet 10.03.2015 22:57 | nach oben springen

#6

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 20.03.2015 23:16
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Fünf
Das fünfte Bild soll hier hinein. Es ist noch gar nicht trocken. Ich hab es heute erst gemalt, hab mir mein Herz zerbrochen. Mein Herz ist in bunte Glassplitter zerbrochen, sie quillen über meine Hände, rieseln auf den Sand in dem ich stehe und auf das Meer hinausschaue. Dünen um mich herum, mein Herz in meiner Hand. Fassungslos starre ich auf meine Hände, Blut könnte nicht mehr schmerzen als diese bunten Scherben. Ich widme dieses Bild dir, meine hübsche Frau. Du sollst hier gezeichnet werden, hab keine Angst, die Striche zeigen deine schwarzen Töne, das Bild ist mit Bleifäden beschwert, es zieht zum Boden, es will sich aus der Galerie herausfallen lassen. Aber auch du darfst das nicht, ich drücke dich wieder hoch. Wir beide sollen hier hängen in dieser Galerie. Als ich dich wieder hoch gedrückt habe, lässt du dich rückwärts in die Wand hineinfallen. Du fällst in die Szene am Meer. Zu mir, der sein Herz in bunten Splittern anstarrt. Ich schaue auf dich und erkenne, dass ich dich liebe. „Reparier mein Herz!“ Ich schreie, fordere, aber du blickst mich nur leer an. „Ich kann dir nicht helfen, selbst wenn ich wüsste wie“, sprichst du zu mir und mit einem Mal fegt der Wind durch meine Hände und verweht die Splitter meines Herzens, er mischt sie unter den Sand, auf dem wir stehen. Ich knie nieder, lasse den Sand durch meine Hände rieseln. Und plötzlich wird mir klar, dass hier ganz viele Herzen auf dem Boden liegen. Es ist ein riesengroßer Herzfriedhof, auf dem ich sitze. So viele zerbrochene Herzen. Und wir obendrauf, blicken auf das Meer. Das Meer auf dem Segelboote fahren, wie die Sehnsüchte, die wir haben. Man kann ihnen nachblicken, aber nie mit ihnen kommen. Ganz in der Ferne liegen Dampfer, stark und eintönig und irgendwie wie erlebte Vergangenheit. Man kann eine kurze Zeit auf ihnen mitfahren und sich verzaubern lassen vom Klang des bereits Erlebten. Aber nach einer Weile steht man immer wieder am Strand und ist trauriger als vorher. „Wo sind all die Menschen, deren Herzen hier liegen?“, frage ich mich. Ich höre sie leise, wie sie zur Gitarre singen, sie machen das Beste draus, sitzen am Lagerfeuer und genießen den Sommerabend. Ich gehe rüber und höre zu, nehme einen Schluck Sehnsucht aus der Flasche, die mir einer reicht, wiege mich leise im Wind und denke. Ja ich denke über dich nach, die du in diesem Bild Bestand hättest haben sollen. Du liegst im Sand und bist traurig. Traurig und verzweifelt und ich verstehe dich so gut. Unser Leben hätte gut sein sollen und beispielhaft und verheißend. Stattdessen ist es real. Ein Leben halt wie so viele andere. Irgendwie gewöhnlich und noch nicht einmal extrem erfolgreich. Ich reiße dich hoch. „So geht’s nicht weiter!“, schreie ich dich an. Dann nehm ich dich auf meine Arme und renne mit dir in Richtung Meer. Ich renne durch die Wellen, welche an meine Schuhe klatschen, dann an meine Hose. Ich stehe bis zur Hüfte im Wasser und werfe dich hinein, du kreischt und dann lachst du plötzlich. Du stehst im Wasser und lachst und lachst. Wie eine Urgewalt kommt das Lachen aus dir herausgesprudelt und es steckt mich an und wir fallen uns in die Arme und für diesen einen Augenblick sind wir glücklich. Langsam gehen wir zurück, lassen uns in den warmen Sand fallen wie Kinder. Dann blicken wir in den Himmel und irgendwo dort oben verankern sich unsere Seelen. Dort haben wir unseren Ort.

Hier endet das Strandbild. Stelle 5 soll es haben. Gewidmet dir und uns. Sollen wir uns noch ein Weilchen am Lagerfeuer aufwärmen?


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#7

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 28.05.2015 22:14
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Da bin ich wieder. Ein guter Tag geht vorbei. Ruhe kehrt in meine Finger. Viel wurde heute gesprochen und die Nacht macht sich bereit zum Sprung auf die Unvorsichtigen. Auch ich bin unvorsichtig, will ich doch schreiben, ohne Sicherheit, dass es heute klappt. Im Grunde nur aus der Sehnsucht heraus. Ich habe schon geschrieben heute, alte Geschichten gelesen und so soll hier an Stelle 6 wieder eine Skizze aufgehängt werden, diesmal eine, die meine Gruft beschreibt.

Ich steige wenige Stufen herunter. Es ist kühl und schattig hier. Draußen hat das Leben getobt, ich trage es noch in mir, fülle es in die Windlichter, die es gierig aufsaugen. Und dann bin ich drin. Ruhe kehrt ein. Die Schatten des Frühlingstages, die ich gerade noch roch, verklingen. Der knirschende Kies, über den ich hergekommen bin, lässt seine letzten Schallwellen an den moosigen Wänden einsinken. Hier unten liege ich. Ich habe lange gelebt. Ich habe schön gelebt. Meine Kinder stehen in ihren eigenen Häusern, sie haben ihre psychischen Probleme trotz aller Hoffnung auf ein gesundes Leben auch mitbekommen. Hier drinnen werden sie immer ganz beklommen. Ich kann sie nicht mehr in den Arm nehmen, um ihnen zu zeigen, dass alles gut wird. Denn ich bin tot. Wer hier stapft, ist mein Geist, das was von mir übrig ist. Ich liege hier zwar noch und vermodere, doch er geht noch ein bisschen spazieren. Stapft hinaus, schlendert auf dem Kies entlang, zieht den Frühlingsduft mit voller Inbrunst in die Lungen ein. Ja, mein Geist hat Lungen. Er hat auch ein Herz und ein Gehirn. Im Grunde ist mein Geist nochmal so ein Mensch, nur dass er ewig lebt. Leider, oh leider ist mein Gehirn so geartet, dass es nicht glauben kann. Daher weiß meine Vernunft, dass mein Geist, wenn er da im Frühlingsschatten steht und an die Begegnung mit der Seele meiner 16-jährigen Freundin von damals denkt, nur meine Erinnerung ist, die meinen Körper durchströmt, dem das Gefühl gefällt, sich vorzustellen, er sei tot und würde als Geist umherspazieren. Aber meinem Geist ist das egal. Er genießt den lauen Wind. Er weiß noch, dass er eine Jeansjacke anhat. Er begibt sich auf die Reise an den Ort, an dem die Krankheit zum ersten Mal offensichtlich wurde. Er streift weich darüber hinweg und fliegt dann hinaus. Aus Berlin, Aus der Seenplatte. Aus Deutschland und aus der Atmosphäre. Mein Geist kann. Mein Geist will. Ich sitze hier unten und tippe Buchstaben, aber meine Seele ist die, die das Ganze in der richtigen Balance hält. Sie sagt meinem Geist, wann er rumschlawienern darf. Danke. Das machst du gut, kleines Menschenseelchen. Du hast alles neu lernen müssen und hast dir sogar dein Mausoleum selbst zusammengedacht. Und bald schon sollst du all das an einen neuen Menschen weitergeben, der überhaupt noch nichts kann und alles neu lernen soll. Und wird. Er wird lernen. Aber was soll aus ihm werden? Kriegt er das Leben so gut gemeistert, dass du, sein Vater, denkst, dass es gut war? Oder wirst du immer nur seine Probleme sehen? Hat er das verdient? Wäre es nicht das Beste für ihn, du würdest ihm einfach vertrauen? Mach, kleiner Junge, ich helfe dir dabei. Wie in „Abenteuerland“ von Pur, wo der kleine Junge den Mann an der Hand nimmt...

Tja. Mein sechstes Bild ist durchwachsen. Ein guter Anfang, ein kleiner Exkurs im Körperverlassen. Schließlich die nahe Zukunft, die in einem Lied von Pur endet. Ob das meinen Ansprüchen einer Skizze meiner Gruft gerecht wird? Du entscheidest, lieber Leser, wie es dir gefallen hat. Ich hoffe, dass das nächste Bild ein bisschen Pep in die Bude sprizt!


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#8

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 17.07.2015 00:09
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Sieben ist es. Und damit höchste Zeit. Unser Kind kommt. Es lässt sich nicht mehr aufhalten, in wenigen Wochen sind wir Vater und Mutter. Ich stehe auf dem Balkon und bringe den Sichtschutz an, schön alles mit Kabelbindern festmachen. Das dauert 1-2 Stunden. Währenddessen höre ich unsere Nachbarn, wie sie sich unterhalten. Am Ende singe ich „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens. Niemand hätte dieses Gefühl besser umschreiben können. Ich weiß, dass etwas zu Ende geht, ich vergehe in Sehnsucht nach dem „wahren“ Leben. Die Tendenz habe ich, will etwas haben, was ich angeblich mal hatte und was ich jetzt vermisse. Was vermisse ich aber wirklich? Ich werde gehalten von dir, du stärkst mich, wenn ich etwas brauche. Und dann sowas: Wir haben gestritten. Schlimm. Wir haben gekämpft, ich habe gewonnen, habe durchgesetzt, dass ich fahre. Habe dich sicher heim gebracht. Fühle mich im Recht und bin doch sicher, dass ich falsch sein muss. So heftig war der Streit, dass es schwer wird, sich wieder freundlich zu begegnen. Das so kurz vor der Geburt. Heftig.
Dieses Bild ist vermutlich das letzte vor der Geburt. Nimm das auf. Dieses Gefühl von Sturm, dass es nicht gut ist, dass es nicht ok ist. Dass es brennt, dass ich schreien muss und nicht kann, dass du nicht hörst, was ich sage und ich nicht fühle, wie schwer es für dich ist. Wir müssen zusammen halten. Ob wir wollen oder nicht. Das Leben hat so entschieden. Diese Streits sind zu krass. Und das Schlimmste ist, dass es keine Lösung gibt. Aber genau das ist die Aufgabe. Trotzdem weiter zusammen danach zu suchen. Gemeinsam den Weg gehen und dabei links und rechts zu gucken. Wie machen es denn die anderen? Gibt es das perfekte Paar? Haben wir viel aneinander und vergessen es nur in diesen Momenten? Ist der Ausbruch ein Anzeichen eines Ascheregens oder nur ein kleiner Lavastrom, der ins Meer fließt und erstarrt?

Im Endeffekt weiß ich es nicht. Jeder Ausbruch kann der letzte sein und jede Verletzung bleibt bestehen. Aber noch etwas bleibt. Unser Kind. Wir haben Verantwortung. Lass uns die Hände reichen. Wir können uns festhalten und ganz fest drücken und das Kind soll in unserer Mitte sein und uns klarmachen, dass es sich lohnt.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#9

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 14.08.2015 23:22
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Der Zeremonienmeister betritt den Raum. „Herrschaften!“, hebt er an. „Applaus für die acht! Hier ist die absolute Premiere eines neuen Menschen, klatschen Sie bitte laut und vernehmlich.“ Er blickt in die Runde. „Können Sie sich das vorstellen? Sie alle waren mal nichts weiter, als das hier, nicht mehr als...“

ein Wurm

Du kommst auf die Welt mit offenen Armen. Mit deinem ersten Atemzug umarmst du sie. Greifst sie, obwohl du sie nicht greifen kannst. Beschreibst sie, obgleich du keine Worte kennst. Du machst dir die Welt zu deinem Untertan, indem du sie voll und ganz annimmst. Und indem du schreist. Alles, was du sagen willst. Du tust es durch schreien. Als wäre das ein Sinnbild. Du bist nicht höflich und zuvorkommend. Du schreist. Du sagst nicht leise: Ich will. Du schreist. Du wartest nicht, bis du drankommst. Du schreist.
Ich liebe dich so, mein Sohn. Du bist geboren in einem Haus aus Milch. Die Wände voller Milch, die beständig im Fluss ist. Sie ernähren dich, wenn du deinen Mund in ihren Lauf streckst. Lakaien eilen von links nach rechts, schaffen dir neue Festmahle zu Tisch. Waschen dich und wickeln dich, schenken dir ihre komplette Aufmerksamkeit. Und dann: Die Erlösung: Du bist zufrieden. Du hörst auf, zu schreien. Du wirst ruhiger. Du saugst dich fest. Du, kleiner Mensch, bist die Lösung all der Probleme deiner Eltern. Durch dich entsteht ein komplett neuer Lösungsraum: Deine Welt. Deine Eltern sind nur Randerscheinungen darin. Sie werden alles geben, um dich zu beschützen und dir zu Diensten zu sein. Deine Eltern sind die Vergangenheit. Du bist die Zukunft kleiner Mensch. Mit dir zu sein ist alles, was deine Eltern erwarten können. Für sie ist es ein Geschenk. Für dich kleiner Mensch ist es nichts weiter als der Garant, dass der Rahmen abgedeckt ist. Der Rahmen dieses Bildes sind deine Eltern. Und du, neuer Mensch, wirst diesen Rahmen mit so viel Leben füllen! Du wirst ihn tausendmal sprengen und wieder zusammensetzen. Auf ihn hinaufklettern und dich an ihm abseilen. Du wirst den Rahmen ansägen oder ankokeln. Vermutlich wirst du ihn auch verkaufen und vielleicht auch einfach austauschen. Deine Macht, die Welt zu verändern, du wirst sie an diesem Rahmen beginnen, zu erproben. Und ich, dein Vater bin sehr stolz ihn dir bieten zu dürfen.
Mein Sohn, willkommen in der Welt.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#10

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 10.09.2015 11:47
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Die Neun.

Hier bin ich ohne Zwang.

Ich schreie, weil ich kann.

Ich schreie, bin verzagt.

Ich weiß nicht, was mich plagt.

Dies ist das Kapitel vom Menschen, der nicht reden konnte. Er konnte nichts fokussieren. Er konnte nichts greifen. Das Einzige, was er konnte war schreien. Er kam auf die Welt und war total ruhig. Er schlief extrem viel und war glücklich und zufrieden. Nach ein paar Wochen änderte sich das schlagartig, er wurde unzufrieden, quengelte und fing direkt nachdem er gestillt wurde, wieder an zu schreien. Seine Eltern versuchten, ihn zu beruhigen. Sie trugen ihn durch die Wohnung. Sie trugen ihn auf dem Bauch und auf dem Rücken, versuchten, ihm einen Schnuller in den Mund zu stecken. Er beruhigte sich manchmal. Aber manchmal schien alles ganz schrecklich zu sein. Er musste schreien, weil er zeigen wollte, dass er das nicht ok fand, wie das alles lief. Manchmal war es nur ein Rülpser, der ihn plagte und nicht hinaus fand. Und machmal war es Hunger. Das Schlimme war, wenn es keins dieser beiden Probleme war, dass ihn seine Eltern nicht verstanden. Sie blickten ihn an und spürten seine Kraft, die er komplett darauf verwendete, zu schreien. Und doch konnten sie ihm nicht helfen. Es gab Strategien, die ihn dazu bewegten, seine Eltern weniger anzustrengen. Und es gab Tage, an denen einfach alles falsch war. Sie waren unglücklich, dass es ihm schlecht ging und froh, wenn dieser Zustand vorüber ging und er ruhig und glücklich war. Das war das Schönste, ein Geschenk sondergleichen. Wenn er in seinem Bettchen lag und fröhlich war. Dann blickte er interessiert in die Gegend, obgleich er nicht viel sah. Er machte zufriedene Laute, streckte seine Zunge raus, ab und zu ein Quieken...
So vergingen die Tage und dehnten sich zu Wochen. Sein Papa ging wieder arbeiten und die Mami verwöhnte ihn mit ihrer Muttermilch wann immer er es brauchte. Mit Spannung warteten die beiden darauf, dass er begönne, Dinge zu packen und sich in den Mund zu stecken. Denn das wäre die nächste Etappe, das Zeichen, dass er sich entwickelte und die Welt formen wollte. Doch bis dahin blieben sie bei ihm, verwöhnten ihn so gut es ging und gewöhnten sich immer mehr daran, dass sie nun zu dritt waren.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#11

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 15.09.2015 15:47
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Zehn.

Dem See, der ihn an einen langen Arm erinnerte, entkam er nicht. Er trank ihn langsam und mit lautem Schlürfen bis zur Neige. „Lass mich!“, schrie er und er floh. „Grundgütiger, was kann ich mit einem Gepäck wie dir nur anfangen?“ Schon zu Beginn war die Reise sehr schwer gewesen. Er hatte gezankt wie eine alte Frau und sich mit kleinen Versagern immer tiefer ins eigene Fleisch geschnitten. Doch immer war er zurückgekehrt, hatte sich in dem saftigen Acker verewigt und gepflanzt und gepflanzt, bis die Bohnen bis in den Himmel gereicht hatten. Sein Wille zu Leben war es gewesen, der ihn immer wieder an den Acker trieb. Hier konnte er sitzen und atmen. Das frische Erdreich umgab ihn und seine Gedanken fassten Kraft aus den Wurzeln, die hier bis zum Erdinneren hinabreichten, wo sie von Wärme genährt wurden.

„Ich mag dich“, sprach er zu seinem Rücken. Dort drin steckte er, der Samen, den er noch nirgends eingepflanzt hatte. Dieser Samen war es, der ihn zu Boden zog. Mit ihm sollte er neuen Ackergrund befruchten, das Leben als Schlaraffenland neu erschaffen. Stattdessen hing er hier schlaff am Ufer seines eigenen Lebensflusses. „Wie geht’s jetzt weiter?“, fragte er sich müde.

Und die Antwort kam. Es war ein Hallen, wie ein Gong tönte es und brachte den Himmel selber zum Vibrieren. „Komm doch her, wenn du dich traust!“, schrie er dem Himmel entgegen. Das Gefühl verebbte. Er blieb zurück, kleiner als zuvor, an der Realität grau geworden. Er schleuderte einen Stein mit einer Steinschleuder bis zum gegenüberliegenden Ufer hin. Er traf dort auf einen Felsen und zersplitterte.

„Na gut!“, begann der Himmel zu tönen. „Die Änderungsoption in deinem persönlichen Leben wurde aus dem Vertrag genommen. Nun steht zur Verfügung: a) Weitermachen b) Weitermachen c) Weitermachen. Es sind nur noch die Details, die verhandelt werden dürfen. Um die Details zu verhandeln, ist es aber vonnöten, den Gesamtvertrag einmal mit Blut zu unterschreiben. Bitte unten rechts“.

Er überlegte. Die Zeit umkehren konnte er nicht. Selbst wenn das ginge, was wollte er denn als Säugling bei seiner eigenen Geburt sagen? „Schau her, ich habe mich für immer gedrückt.“? Wäre das wirklich das, was er sich wünschte? Der Vertrag hatte ohne sein Zutun begonnen, das stimmte. Er war ins Leben geworfen worden und hatte die Aufgabe bekommen, zu leben. Der Vertrag, den er nun mit seinem Blut unterschreiben sollte, das war der gleiche, den sein Vater damals mit dessen Blut unterschrieben hatte. Anscheinend war das so, wie das Leben nunmal ablief.

Grummelig nahm er das Blatt. Er stach sich mit der Schwanenfeder in den Arm und nahm das hervorquellende Blut auf den Kiel. Er blickte auf den Fluss und unterschrieb. Der Himmel blitzte! Die Sonne kam aus den Wolken hervor und überzog die Welt mit einem goldenen Abendlicht. „Ab nun“, hörte er wieder den Himmel tönen, „geht die Wanderung in eine neue Welt vonstatten“. Er raffte sich auf, schulterte das Päckchen mit dem Samen und begann, am Flussufer entlang zu trotten. Bald sah er eine Straße, die in die Nähe des Flusses führte. Dorthin wechselte er und streckte beim nächsten Auto den Daumen raus. Er war auf seinem Weg. Dass er den Pakt endlich geschlossen hatte, störte ihn nicht weiter. Irgendwie erleichterte es ihn sogar. Die Würfel waren gefallen. Von nun an ging es voran.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#12

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 16.09.2015 11:42
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Die Elf schwingt sich auf einen Pferderücken. Sie hat einen Revolver am Gürtel hängen und einen Cowboyhut auf dem Hinterkopf. Sie reitet im Galopp aus der Kleinstadt hinaus, hin zum Strand. Dort galoppiert sie über den feuchten Sand, die Wellenenden spritzen um sie herum. Sie schreit! Die Elf schreit, sie hat Sturm und Drang in sich, sie knallt mit ihrer Peitsche wild in die Luft. Nach einer Weile wird sie etwas ruhiger. Das Pferd verfällt in Trab, die Schultern entspannen sich und der Blick schweift über das Meer. „Hier“, so denkt die Elf, „ist die Welt in Ordnung. Das Leben ist in Bewegung wie das Meer und die Sorgen reichen nicht bis an die Hufe meines Pferdes.“ Sie blickt hinüber zu den Hütten, die sich an den Strand herandrängen. „Hier in einer Hängematte kann ich bleiben“, denkt die Elf. Und sie lässt ihr Pferd in Schritt fallen. Hält an einer der Hütten. Legt sich in die Hängematte, die vor dem Eingang angebracht ist. Lässt das Gefühl, das sich einstellt, zu. „Hier bin ich nur noch eine Zahl“, denkt die Elf. Sie streckt die beiden Einsen und blickt wiederum zum Meer hin. „Ich könnte“, denkt sie dann, „etwas rauchen.“ Sie nimmt den Joint, der genau dazu bereit liegt, entzündet ihn mit dem bereitliegenden Feuerzeug und zieht den Rauch tief in die Lungen. Der Kopf der Elf schwillt zu. Die Umgebung scheint sie zu erdrücken. Sie nimmt noch einen Zug. Wird schlaff. Hängt in der Hängematte, der Kopf blöd und schwer. Das Pferd wiehert. Die Elf strafft sich. Will nicht mehr bekifft sein. Sie schnippt mit den Fingern und ist wieder nüchtern.
Sie steht im Sand, über sich das Palmendach und blickt aufs Meer. Hier ist ihre Seele so wahr wie Mathematik. Nichts stört hier die klaren Linien, die die Welt im Grund beschreiben, die die Charakterzüge der Welt kennen und diese auf Gottes Reißbrett ausmachen.
Die Elf zieht sich aus. Nackt steht sie in der Sonne, stakst auf das Meer zu. Das Wasser umspült die Stümpfe der zwei Einsen, die Elf stakst weiter. Bald geht ihr das Wasser bis zum Hals. Die Elf gleitet hinein, taucht. Sie legt sich auf den Rücken und lässt sich treiben. Die Strömung zieht sie hinaus. Die Elf lässt es geschehen. Bald treibt sie im offenen Meer, um sich herum nur Horizonte und ab und zu Wolken. Die Elf will hinunter. Sie macht sich schwer. Und... langsam beginnt sie zu sinken. Weiter in die wartende Schwärze hinunter. Es wird immer dunkler um die Elf herum. Bald nimmt sie nichts mehr wahr, außer Kälte. Es wird kälter und der Druck nimmt zu. Die Elf kommt auf dem Grund an. Hier, weiß sie, beginnt das Leben. In dieser Umgebung kommt sie auf die Welt. Sie bohrt sich in den Schlick. Und... Plötzlich wird es Warm an ihren Stümpfen. Ein Magmastrom! Das heiße Magma stößt die Elf von unten an, verschmilzt mit ihr, durchdringt sie und drückt nach oben. Hinauf, weiter, getragen vom Magma, das sich auftürmt und immer weiter nach oben schiebt, bis die Spitze aus dem Wasser ragt. Die Elf trohnt als König auf der Lava, welche nun allmählich abkühlt. Hier bleibt sie, die Elf. Sie ist das Zeichen für die Seefahrer, dass es einen Grund gibt, warum man im schützenden Hafen bleiben soll. „Endet nicht so, wie die Elf“, sagen Mütter zu ihren ungezogenen Kindern. Und sie haben recht. Die Elf, sie ist das Mahnmal, das uns geschenkt wurde, um uns nicht zu verlieren im unendlichen All. Fest verwurzelt ist die Elf, für immer festgeschmolzen, für immer das Zeichen der Ruhe, der Einkehr. Danke, liebe Elf, dass du dich für uns geopfert hast. Wir tragen deine Mahnung in uns.


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

#13

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 04.11.2015 16:02
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Zwölf.

Hier bin ich! Spricht Zorro und tritt auf die Bühne. Seine Zahl ist die Zwölf. Er weiß, dass er Verantwortung trägt mit dieser Nummer. In seinem früheren Leben, das, wo er verrückt war, war die 12 seine Zahl, er nannte sich selbst Hochmut. Er reiste durch sein Leben, schwang das Florett und hinterließ eine Spur der Verwirrung. Heute ist die Zwölf nur noch eine Zahl wie jede andere und das ist gut so. Zorro verbeugt sich. Sein Florett blitzt auf und schon hat ein Zuschauer in der ersten Reihe ein Z auf seinem T-Shirt. „Wärst du nicht so damit beschäftigt gewesen, dir Gedanken über meinen Auftritt zu machen“, spricht Zorro, „so hätte ich dich verschont. Lasst euch das eine Lehre sein!“, seine Augen blitzen. „Auch der der zuschaut, handelt. In dem Moment, wo du etwas gesehen hast, hat es Einzug gehalten in deine Seele. Und dort bewirkt es etwas. Lasst die Welt nicht unkommentiert in eure Gedanken eintreten.“ er spricht in die Runde. „Eure Gedanken sollen dazu dienen, einem Ziel zu folgen, ein Ergebnis zu erreichen. Auch wenn das gewünschte Ziel lautet „Auf dem Sofa chillen.“ Wenn dann gerade jemand an der Tür klopft, ist es wichtig, sich bewusst zu sein, wie man wirkt. Und sobald man weiß, was der Anklopfende will, sollte man sich überlegen, was man selbst in Beziehung dazu erreichen will. Und falls das Ziel lautet „Einen guten Eindruck hinterlassen“, dann ist ein Lächeln sicher nicht verkehrt. Es geht darum, immer Schritt zu halten mit den Eindrücken und dauerhaft Herr in seinem Kopf zu bleiben. Gedanken haben nur ein Aufenthaltsrecht im Kopf, wenn sie eingeordnet sind in das System der Ziele, die den Charakter einer Person ausmachen. Wenn das Ziel lautet „Diese Person schnell wieder loswerden“, weil sie einem etwas aufschwatzen will, dann ist es auch nicht verkehrt, wenn man dessen Strategien und Tricks als das was sie sind entlarvt und nicht darauf eingeht. Gruß an die Sonne!“, spricht Zorro und verschwindet in einer Wolke aus Rauch. Die Zuschauer, du, ich, wir, bleiben stehen und blicken einander fragend an. Langsam zerstreuen sich die Reihen und jeder geht seiner Wege. Am Abend denke ich wieder an Zorro. Seine dunklen Augen mit diesem Funken darin, der Gerechtigkeit fordert. Der dafür kämpft, dass mein Kopf frei bleibt. Ich möchte mit ihm kämpfen. Mich an seine Seite stellen und jeden Gedanken beim Eintreten einordnen. Ich will es schaffen!


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
1 Mitglied findet das Top!
nach oben springen

#14

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 04.11.2015 16:25
von Quietschi | 930 Beiträge | 1901 Punkte
avatar
X

Auszeichnungen


des Mitglieds Quietschi
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

Hallo Hausschuh.
Ich finde deine Rahmengalerie sehr interessant.
Liebe Grüße,
Quietschi


nach oben springen

#15

RE: Rahmengalerie

in Betroffenen-Literatur 19.11.2015 22:35
von hausschuh | 144 Beiträge | 223 Punkte
avatar_m
X

Auszeichnungen


des Mitglieds hausschuh
Gold
Gold
Silber
Silber
Bronze
Bronze
Medaille
Medaille
Pokal
Pokal

Bester User-Support
Bester User-Support
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Goldene Feder
Goldene Feder
Simple Award Plugin • © 2013 Miranus GmbH

13
Die Zeit der Unendlichkeit ist gekommen. Um den Lebensgeistern neue Kraft zu schenken, reiße ich ihn mir aus, den Arm. Tropfend reiche ich ihn dir, der du staunst und dann die zündende Idee zu haben scheinst. Wirbelst den Arm wie einen Bumerang und wirfst ihn hoch auf die Brücke, er fällt in die Lücke der Brücke aus Leben und bleibt dort kleben. Gemeinsam haben wir einen Weg geschaffen. Da drüber kann jeder gehen, dem es hier nicht gefällt. Drüben, in der „neuen Welt“, da soll alles möglich sein, was bisher nur Träume waren. Hattest du Träume, als du jung warst? Du fragst ohne Arg und doch schlucke ich. Mein Traum existiert noch und ich gehe langsam voran. Dorthin, wo ich der Realisierung ein Stückchen näher komme. Langsam schleiche ich mich an und klebe Seite für Seite, habe ich ihn doch noch nicht abgehakt. Es wird irgendwann, muss. Denn das Leben dient einem Zweck und nur ich weiß, was der ist. Du lächelst und ich fühle mich verraten. Aua. So verrannt, dass es mir die Haut von meinem Arm reißt, der, der oben an der Brücke klebt. Ohne Haut wird er es nicht lange aushalten, schnell, tu was! Ich gieße ihm Wachs über, habe gerade nichts anderes zur Hand. Puh gerade nochmal gerettet, bald wird es kalt, dann wird das Wachs reißen. Aber dann kann man die Finger anzünden und hat 5 Kerzen. Lass mich! Schreie ich, weil die Schallwellen alles verändern können. Mein Zorn muss gebündelt werden, sonst leidet mein Sohn. Du wirst mich verlassen, wenn alles schwierig wird. Und aus Angst davor werde ich vorher schon wegrennen. Wir hatten das schon. Genau so ist es gelaufen. Lass uns einander helfen. Ich trag dich ein Stück und dafür schmierst du mir ein Brot. Bitte, ich kenn mich, ich darf mich nicht entwischen lassen! Ich krieg mich wieder ein und dann wird es fein, das Leben geht weiter, wir ersteigen die nächste Leiter, sie führt in den Himmel hinauf, nacheinander kommen wir dran. Die Wolke sieht weich aus und gemütlich, weiß und wattig irgendwie. „Lustig“, sagst du, „man kann sich reinlegen, aber darf sich nicht einsinken lassen, sonst fällt man durch.“ Das scheint eine Metapher des Lebens zu sein, die wir hier oben finden. „Alles klar“, denke ich und schlafe ein. Im Schlaf erkenne ich Gottes Lachen. Und merke auf. Gott, er ist es, er spricht in meinem Gehirn: „Lass es dir gut gehen, mein Sohn“, spricht er. Und plötzlich merke ich, dass ich es bin, der gesprochen hat. Auf meinen Sohn muss ich aufpassen, er soll ein angenehmes Leben bekommen, er soll einmal stolz auf mich sein und froh, mein Sohn zu sein. Die Aufgabe fängt morgen an. „Steh früh auf und übernimm Aufgaben, dann reden wir über deine Versetzung in den Wolkendienst.“ Das war aber die Stimme Gottes. Na gut, ihr habt es gehört, danke fürs Lesen, wir sehen uns noch einmal, 14 wird der nächste Rahmen und dann ist die Galerie voll. Da bin ich mal gespannt. Du auch, lieber Leser?


Was wir wissen ist ein Tropfen; was wir nicht wissen, ein Ozean. Isaac Newton
nach oben springen

Google Translator

Besucher
13 Mitglieder und 10 Gäste sind Online:
suffered, escargot, Lena, Auster, Sartorius77, Henri, rose, Rebus, Fridolin, Jela, frog91, Maja, Eleonore

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Naomi34
Besucherzähler
Heute waren 905 Gäste und 59 Mitglieder, gestern 1552 Gäste und 66 Mitglieder online.


Xobor Ein eigenes Forum erstellen