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#1

Wer sich nicht helfen lassen will

in Treffpunkt für Angehörige 28.09.2014 18:30
von Caroline291 (gelöscht)
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Hallo!
Vor langer Zeit hatte ich über meine Schwester berichtet, die alles stehen und liegen ließ, ihre Tabletten absetzte und ins Ausland abhauen wollte. Nun ist sie wieder seit langer Zeit zurück und ist bei uns untergekommen. Sie liegt den ganzen Tag auf der faulen Haut und macht gar nichts mehr, ihre Therapie lehnt sie strikt ab, stattdessen hängt sie vor dem Fernseher und schreit meine Familie an, wenn mal einer nicht nach ihrer Pfeife tanzt.
Einmal war sie ganz akut, da ist sie in die Klinik gegangen, aber nach kurzer Zeit war sie wieder zu hause. Trotz der Medikamente verweigert sie alles, jede Hilfe, jeden Rat. Uns stinkt es in der Zwischenzeit. Ich habe hier auch oft mal mitgelesen, aber in der Zwischenzeit bin auch ich nicht mehr tolerant genug, das alles weiter mitzumachen. Meiner Schwester alles hinterherzutragen und für sie alles zu erledigen, dazu sind wir ihr gut genug, aber wenn ihr was nicht in den Kram passt, haut sie uns um die Ohren, sie würde uns ja eigentlich nur hassen.
Fremde Leute würden nun sagen, wir sollen das arme Ding doch in Ruhe lassen, sie ist ja schließlich krank (das sagt sie auch selbst), aber ist es wirklich so einfach im Leben, jede Situation, die verkackt wird, auf diese verdammte Krankheit zu schieben?
Es wird immer gepredigt, Schizophrene sind nicht unzurechnungsfähig und haben selbst Entscheidungen, die sie treffen, aber uns in den Arsch zu treten und jede Kritik, die man (sogar eingepackt in Watte) ihr sagt, heulend anzunehmen und zu jammern, man kann ja nichts machen, da die Krankheit einen an allem hindert?
Meine Tante hat Krebs, sie ist fertig von jeglicher Chemotherapie, macht immer weiter, egal was los ist und packt Dinge im Leben an. Warum nicht auch meine Schwester? Jammern kann jeder, dass das Leben doch ach so ungerecht ist (das können übrigens nicht nur Menschen mit Psychose von sich behaupten), aber man kann auch aktiv daran was ändern. Wir wären Ärsche, würden wir sie auf die Straße werfen, dann wäre sowieso das Geschrei groß, aber auch wenn wir helfen, kriegen wir nur Hass entgegen.
Selbst dieses Wort "Triggern" kann ich nicht mehr hören, eine befreundete Therapeutin hat uns Bücher über Krankheitsbewältigung mitgebracht, meine Schwester wirft es in die Ecke und schreit herum, dass es sie so "triggert". Gewisse Fernsehprogramme schaltet sie aus, wenn es ihr zu viel wird. Ich denke, so kommt man nicht durchs Leben, wenn man alles vermeidet, allem aus dem Weg geht, nicht mal sich den Situationen stellt.
Denn genau dann, hat die Krankheit doch leichtes Spiel. Leben ist Risiko, ein Schub kann immer wieder kommen, aber auch der Krebs meiner Tante kann zurückkehren oder man verbringt ein tolles Leben und hat auf einmal Alzheimer. Doch trotz allem sollte man die Zeit, die man nicht akut ist oder eben halbwegs gesund ist, nicht auch noch wegwerfen.
Ausreden gibt es immer, aber wenn mal der Tod kommt, gibts keine Ausreden mehr. Dann kann man nichts mehr ändern.
Unsere Mutter hat schon ihre Koffer gepackt, selbst wenn meine Schwester nun akut ist, es entschuldigt nichts. Wir haben auch Fehler gemacht, aber seltsamerweise dürfen wir keine Fehler machen, aber sie schon, denn, wie sie ja immer sagt, es ist ja ihre Krankheit und sie kann nichts dafür.
Der allgemeine Tenor, den ich im Internet lese, ist, dass alle anderen an der Krankheit schuld sind. Die böse Welt, die Medien, die fiesen Menschen, aber das man selbst bei sich anfängt und auch, wenn man nur etwas an seinem eigenen Leben ändert (Entschleunigung, Stressvermeidung um ein paar Prozent), dies auch schon sehr helfen würde, das kapieren gewisse Leute nicht.


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#2

RE: Wer sich nicht helfen lassen will

in Treffpunkt für Angehörige 28.09.2014 20:03
von Hotte | 1.639 Beiträge | 4808 Punkte
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Hallo Caroline,

Deine Schwester gehört offensichtlich zu den Menschen, die sich in ihrer Krankenrolle ausruhen. Das möchte ich unabhängig von der Diagnose betrachten.
Ein Krebspatient ist nicht "besser" als ein Psychosepatient. Keine Krankheit ist besser als andere. Es fällt den Menschen nur unterschiedlich leicht, damit zu leben.

Ich verstehe sehr gut, dass es euch stinkt. Es ist auch vollkommen richtig, dass ihr als Angehörige zuerst an euch selbst denkt und erst dann an die Person, die sich als hilfsbedürftig darstellt.

Möglich ist, dass sie "auf der faulen Haut liegt", weil sie depressiv ist. Oft ist die postpsychotische Phase eine Depression. Meine eigene habe ich erst in der Rückschau erkannt und sie ist auch nicht diagnostiziert worden, weil mir die Symptome nicht aufgefallen sind bzw. ich sie für Nebenwirkungen der NL hielt. Deshalb hatte ich sie meinem Arzt gegenüber nicht alle erwähnt.

Die Frage nach der "Schuld" an der Krankheit bringt euch mE nicht weiter.

Deine Schwester macht in meinen Augen eins richtig: Sie grenzt sich ab. Sie zieht sich zurück, wenn es ihr zuviel wird und achtet darauf, nicht von zu vielen Reizen überfordert zu werden. Das ist meiner Erfahrung nach gerade während und kurz nach der akuten Episode sehr wichtig. Man darf aber nicht auf diesem Level stehenbleiben. Mir hat da die Ergotherapie sehr geholfen, meine Grenzen hin zu mehr Belastbarkeit zu verschieben.
Das sehe ich genauso wie Du, dass es sehr hilfreich sein kann, das eigene Leben mal neu zu sortieren. Meine Psychose habe ich auch als Anlass genommen, meinen Alltag rundzuerneuern und meine Zeit so zu verbringen, dass ich mich wohlfühle, während sie vergeht. Dazu habe ich allerdings auch zwei Jahre gebraucht und bin noch nicht abschließend fertig.

Und um die unvollendete Frage zu beantworten: Wer sich nicht helfen lassen will, dem ist nicht zu helfen.

Euch allen viel Kraft!


---
Wenn das Leben Dir Zitronen gibt, mach Limonade draus! (G. Sielaff)
Mein Blog: https://ingo-schreibt-anders.blog
Ich schreibe auch in der http://www.schreibkommune.de/. Dort findet ihr Geschichten und Artikel mit Themen rund ums Schreiben.
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#3

RE: Wer sich nicht helfen lassen will

in Treffpunkt für Angehörige 28.09.2014 21:18
von Pittiplatsch (gelöscht)
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Hallo Caroline,
Ich bin auch seit längerem mal wieder online. Ich bin hier wegen meinem Bruder. Er lehnt auch jegliche Medis ab und wohnt schon ne Weile bei meinen Eltern. Hatte schon mal drüber geschrieben. Bis vor ein paar Wochen habe ich mir auch noch den 'Arsch aufgerissen' für ihn. Er hatte sich nochmal überzeugen lassen in eine Soteria zu gehen. Nach drei Wochen wurde ich zu einem Gespräch mit seinem Psychologen und einer Sozialpädagogin und ihm gebeten. Er hatte in der Einrichtung überhaupt nicht mitgearbeitet, hat es nicht mal versucht. Die Folge war die Entlassung. Meine Mutter hat nur noch geheult.
Aber während dem Gespräch hat es bei mir Klick gemacht! Ich kann ihm nicht helfen solange er sich nicht helfen lässt! Er hat den Psychologen sogar versucht zu verarschen! Er hat es aber gemerkt und Klartext mit meinem Bruder geredet. Und prompt kam eine Antwort.
Das hat mir die Augen geöffnet.
Man kann sich nicht nur hinter der Krankheit verstecken, man muss auch ein bisschen Verantwortung für sich selbst übernehmen.
Ich kann mich nicht in ihn hinein versetzen, ich weiß nicht wie es ist und es ist bestimmt nicht einfach, aber jegliche Hilfe abzulehnen macht es nicht besser.
Und diese Wahl hat jeder!
Ich habe ihm dann in einem Gespräch erklärt dass ich ihm nicht weiter helfen kann, dass ich mich dringend um mich selbst kümmern muss, weil ich mir zu viele Gedanken über ihn mache und es schon Auswirkungen auf meinen Job und meinen Gemütszustand allgemein hat.
Habe aber auch gesagt, wenn er soweit ist und etwas verändern will, dabeiHilfe braucht, kann er sich gerne bei mir melden.
Und bis dahin versuche ich den Kontakt zu meiden, auch zu meinen Eltern, weil es mich nur runterzieht.
Was erreicht man damit, wenn die ganze Familie irgendwann in psychologische Behandlung muss! Nichts!!!
LG Pittiplatsch


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#4

RE: Wer sich nicht helfen lassen will

in Treffpunkt für Angehörige 28.09.2014 22:50
von Caroline291 (gelöscht)
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danke für die Rückmeldungen, gerade in Bezug aus der Sicht von jemand, der selbst die Erkrankung hat(te) und eben jemand, der auch Angehörige hat mit der Erkrankung. Habe auch schon Leute mit Krebs erlebt, die in der Krankheit die Entschuldigung für alles gesucht haben, aber mit meiner Schwester komme ich zumindest nicht mehr aus.
Die wenigen Freunde, die sie hatte, hat sie auch vergrault, weil sie ihnen Dinge unterstellt hatte, die nie gestimmt haben.
Dann hat sie sich aber beschwert, das sie sich nicht mehr meldeten und meinte dann auch, dass sie ja damit recht hatte, dass sie sie wegen der Erkrankung nicht akzeptieren würden. Sie war selbst in ihrem eigenen Stigma gefangen bzw. ist.
Auf unsere Frage, wen sie als Kontakt möchte, antwortete sie, dass sie nur andere Kranke will, da sie sonst keiner versteht.
Wir waren mal auf einem Treffen dabei und sie unterhielten sich nur über die Krankheit, was auf der einen Seite ja ok war, auf der anderen Seite aber nichts anderes zur Sprache kam, worauf sie zu Hause auch nur über alles mit der Krankheit grübelte.
Sie bezog alles darauf, stellte die Krankheit in den Vordergrund.
Eine Freundin, die sie kennenlernte, unterstellte sie dann, dass diese sie wegen der Erkrankung zurückgewiesen hat. Haben aber mitbekommen, das meine Schwester bei Treffen mit ihr nur die Krankheit als Thema hatte, was ihrer Freundin dann nach mehrmaliger Ansprache gestunken und sie das Weite gesucht hat. Verständlicherweise.

Eine gewisse Lebensqualität muss es doch geben. Sie geht keinem Hobby nach oder eben nur welchen,die in dieses Krankheitsschema passen oder die ihr in der Therapie, wenn sie mal hingegangen ist, vorgeschlagen wurden. Ich finde diese Dinge aber standartmäßig, eben was man Psychose-Erkrankten mitgibt, Selbstberuhigungshobbys und dergleichen.

Wenn sie die Bild Zeitung liest, fallen Worte von ihr, dass darin nicht groß über Psychosen berichtet wird. Sie hätte gerne eine tägliche Zeitung von und für Psychose-Kranke. Hätten dann Krebskranke auch gerne ein Tagesblatt, in dem sie jeden Tag mit ihrer Krankheit konfrontiert werden? Wir finden es eben kontraproduktiv und würden uns wünschen, sie würde mal über den Tellerrand hinausschauen, das es eben keiner mit ihr böse meint.
Schwarze Schafe findet man, egal mit welcher Erkrankung/Einstellung, im Leben. Man wird immer mal schief angeschaut, wird in Kritik geübt oder erhält einen Rüffel, aber so ist es im Leben. Nur im Haus sitzen bleiben und jede Aktivität vermeiden finde ich sogar noch schlimmer als die Krankheit selbst.


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#5

RE: Wer sich nicht helfen lassen will

in Treffpunkt für Angehörige 05.10.2014 14:00
von gerhard | 210 Beiträge | 584 Punkte
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Hallo Caroline,

ich bin selbst Betroffener und halte mich selbst und andere Betroffene, in manchen Situationen für durchaus rücksichtsloser als "gesunde" Menschen.

Es gibt wohl ziemlich sicher einen Zusammenhang zwischen Schizophrenie und Kreativität, genauso wie es einen zwischen Kreativät und rücksichtslosem Verhalten gibt.

Schizophrenie kann genetische Urachen haben und Kreativität wird sowieso vererbt.

Wenn ich von mir und meiner Familie spreche könnte ich nur bestätigen dass auf vielen Seiten rücksichtsloses Verhalten stattgefunden hat. Es aber aus meiner Sicht hilft den anderen nicht so ernst zu nehmen und sich irgendwie lockerer zu machen.


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#6

RE: Wer sich nicht helfen lassen will

in Treffpunkt für Angehörige 06.10.2014 08:54
von MDark (gelöscht)
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Zitat
Schizophrenie kann genetische Urachen haben und Kreativität wird sowieso vererbt.


Es gibt vieles was vererbt wird. Kreativität ist aber ausschlaggebend eher durch die Umstände gegeben oder nicht... Zumindest mehr als genetische Faktoren eine Rolle spielen.

Grüße,
MD


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